#noFilter: Unerwartete Synthesen

Die Künstlerin Maya Fernandes Kempe ist mit ihrer Familie in ein abgelegenes Dorf in Portugal gezogen. Dort, wo mangels Perspektiven kaum noch junge Portugiesen wohnen, hat sie mit anderen Kreativen ein Kulturzentrum eröffnet.

von Birke Carolin Resch

(Dieser Text erschien zuerst in portugiesischer Fassung auf #noFilter)

Wenn der Tierkopf aus Ton perfekt geformt ist, wenn Fell, Nasenlöcher und Ohren akkurat herausgearbeitet sind, holt Maya Fernandes Kempe ihr Schneidewerkzeug hervor. Mit einem Stück Draht zerlegt sie ihr Werk. Als erstes schneidet sie die Schnauze ab, dann die Ohren. Manchmal muss auch der Kopf dran glauben. In ihrem Atelier sieht es dann aus wie auf dem Schlachthof. „Das ist brutal“, sagt sie. Aber es geht nicht anders.

Maya Fernandes Kempe, 43, gebürtige Berlinerin, wohnt eigentlich in einem Dorf in Portugal. Heute aber sitzt sie in ihrem Atelier im noblen Berliner Stadtteil Charlottenburg und zeigt auf einem Tablet Bilder vom Schaffensprozess ihrer Tonplastiken. 

Wie eine typische Aussteigerin wirkt Fernandes Kempe nicht. Man kann sie sich gut in einer Berliner Galerie vorstellen. Vielleicht liegt das daran, dass die Künstlerin und einstige Erzieherin der Stadt nie ganz den Rücken gekehrt hat. Die Sommermonate verbringt sie mit ihrer Familie meist in Berlin. Dort und in Lissabon gibt sie regelmäßig Kurse und Workshops. (Links zu workshops?)

Mit 22 nach Lissabon

Von Berlin ins ländliche Portugal, von der Erzieherin zur Künstlerin: Maya Fernandes Kempe hat ungewöhnliche Wege eingeschlagen. Mit 22 geht sie zum ersten Mal nach Portugal. Sie macht damals während ihrer Ausbildung zur Erzieherin ein Praxisjahr an der Deutschen Schule in Lissabon, spricht bald fließend Portugiesisch. Gegen Ende eines zweiten Aufenthalts in Lissabon lernt sie ihren späteren Mann kennen. Nach einer anderthalbjährigen Fernbeziehung zieht Fernandes Kempe in die portugiesische Hauptstadt, arbeitet als Kunstpädagogin und eröffnet mit einer befreundeten Künstlerin den Espaço Azul, ein kunstpädagogisches Zentrum für Kinder. 

Erstes Atelier in Berlin

Doch als das Projekt erfolgreich ist, packt Fernandes Kempe ihre Koffer und geht mit ihrem Mann und ihrer inzwischen geborenen Tochter wieder nach Berlin. Sie macht eine Zusatzausbildung zur Kunstpädagogin, beginnt, selbst Skulpturen aus Ton herzustellen und eröffnet ihr erstes Atelier. Erst sieben Jahre später, Fernandes Kempe hat inzwischen ihr zweites Kind, einen Sohn, zur Welt gebracht, zieht die Familie zurück nach Portugal, ins Alentejo. Dort, wo es an Ärzten genauso mangelt wie an Jobs, Schulen und intakten Straßen, lässt sich das Paar nieder und eröffnet mit anderen Künstlern ein kulturelles Zentrum.

Teresa Rutkowski, eine Wegbegleiterin und Freundin, die in Lissabon die Kunstschule Nextart gegründet hat, ist über die Entscheidung nicht überrascht. „Maya ist eine Gründerin“, sagt sie. „Sie hat den Mut, alles aufzugeben und ganz von vorn zu beginnen, egal, wie gut ein Projekt gerade läuft.“

Treffpunkt für Kreative auf dem Land

Auch dieses Mal hat Fernandes Kempe die richtige Intuition. In São Luís, einem Dorf mit knapp 2000 Einwohnern – nur noch etwa halb so viele wie noch in den Sechzigerjahren – floriert eine internationale Kunstszene. Hier hat das Künstlerkollektiv um Fernandes Kempe -Jahr- das Ateneu do Catorze gegründet, das Kulturzentrum. Sie haben in dem Gebäude ihre Ateliers eingerichtet, veranstalten regelmäßig Filmvorführungen, Poesie-Abende und Workshops. Zur Eröffnungsveranstaltung vor einem Jahr kamen über 800 Leute, alteingesessene Portugiesen ebenso wie Zugezogene.

Fuchs mit Piercing in Hinterhofbar

In Berlin, knapp 3000 Kilometer von  São Luís in Portugal entfernt, nähert sich die Sonne dem Horizont. Fernandes Kempe stellt ihren Espresso auf den Tisch und läuft zu dem Holztisch am Fenster. Sie hatte noch keine Zeit, ihre Tonplastiken zu erklären. 

Für die Zerstörung der Tiere gebe es zwei Gründe, sagt die Künstlerin. Der erste Grund ist pragmatisch. Die Büste muss ausgehöhlt werden, sonst würde sie beim Brennen im Ofen platzen. Der zweite künstlerisch. Das Zerstören und erneute Zusammensetzen ist die Chance, der Figur eine präzisere Haltung zu geben. „Das ist der entscheidende Moment“, sagt die Frau mit den auffallend blauen Augen. Dann erst zeige sich die Persönlichkeit des Tieres. „Das ist Anarcho Poet“, stellt sie vor. „Ein Poetry Slam Artist, der in einer illegalen Bar im dritten Hinterhof auftritt, typisch Berlin eben.“ Sie zeigt auf einen grazilen Fuchskopf mit Piercing in der Augenbraue. Daneben stehen die Büsten einer elegant gekleideten Bärin, die mit Vorliebe im Berliner Luxuskaufhaus KaDeWe shoppen geht, und eines Widders mit Kopfhörern, der im Szenekiez Neukölln als DJ auflegt. Woher kommt die Idee? Die Künstlerin lacht. „Ich fahre durch die Stadt und sehe abgefahrene Typen.“

Maya Fernandes Kempe gründet nicht nur, sie schafft auch unerwartete Synthesen. Mensch und Tier, Land und Stadt, Natur und Kultur, all diese Gegensätze vereint die Künstlerin scheinbar mühelos, in ihrer Kunst und in ihrem Leben.

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