#noFilter: Karneval der Kulturen – Trommeln für mehr Toleranz

Seit mehr als 20 Jahren ist die Trommler-Formation Bloco Explosão dabei, wenn Berlin den Karneval der Kulturen feiert. Dieses Jahr arbeitet die Gruppe zum ersten Mal mit der gemeinnützigen Initiative Sea Watch zusammen.

von Birke Carolin Resch

(Dieser Text erschien zuerst in portugiesischer Fassung auf #noFilter)

Kurz vor dem Pfingstwochenende werden sich etliche Samba-Liebhaber aus verschiedenen Ecken Deutschlands und den Niederlanden auf den Weg nach Berlin machen. Die lange Anfahrt nehmen sie in Kauf, um gemeinsam in der deutschen Hauptstadt zu trommeln. Dort nämlich zieht am Pfingstsonntag ein lauter, farbenfroher Karnevalsumzug durch die Straßen. Er bildet den Höhepunkt des Karnevals der Kulturen, der jedes Jahr im Juni hunderttausende Besucher anzieht. 

„Wir spielen den Samba aus der brasilianischen Küstenstadt Salvador da Bahia“, erklärt Volker Conrath, Gründer und Leiter der Trommler-Formation, die sich Bloco Explosão nennt. Im Vergleich zum klassischen Samba aus Rio de Janeiro sei der langsamer und gemütlicher. Damit Trommler aus verschiedenen Ländern zusammen spielen können, hat Conrath vor sechs Jahren die Bahia Connection gegründet. Das Netzwerk tauscht Noten aus und liefert Informationen über die kulturellen Ursprüngen des Samba. „Das ist, als würden wir musikalisch die gleiche Sprache sprechen“, sagt Conrath. Wenn die Gruppen aufeinander treffen, beherrschen alle die gleichen Rhythmen.

Samba nach Berlin geholt

Conrath ist 64 Jahre alt und freischaffender Musiker. Während etlicher Aufenthalte in Brasilien hat er bei verschiedenen Lehrern gelernt, wie man den Samba aus Bahia trommelt. Die Leidenschaft für die brasilianischen Rhythmen hat ihn nie wieder losgelassen. In Berlin gibt er Konzerte, unterrichtet Samba Percussion und organisiert Reisen nach Bahia. Beim Karneval der Kulturen macht sein Bloco Explosão nun schon seit 21 Jahren mit, zweimal gehörte die Gruppe zu den Preisträgern. Das Trommeln scheint seine Schülerinnen und Schüler genauso mitzureißen wie ihn selbst. Zwischen 70 und 100 Trommler, Tänzer und Performer, so schätzt Conrath, werden dieses Jahr mitlaufen.

Conraths Bloco Explosão ist eine von knapp 70 teilnehmenden Gruppen beim diesjährigen Karneval der Kulturen. Rund 4000 Künstlerinnen und Künstler präsentieren Musik, Tanz und Kostüme aus den unterschiedlichsten Ecken der Welt. Männer und Frauen aus Angola tanzen Kizomba, der chinesische Frauenverein Berlins zelebriert die Vielfalt der in China lebenden Minderheiten, und die Gruppe Berlin Indiawaale verspricht eine musikalische Reise durch die Festivals Indiens.

Antwort auf rassistische Stimmung

„Früher war der Karneval viel kleiner“, erinnert sich Conrath. „Seitdem hat sich der Umzug zu einem Riesenevent entwickelt.“ Zwischenzeitlich hätten über 100 Gruppen mitgemacht, dafür sei die Strecke von drei Kilometern aber zu kurz gewesen. „Inzwischen ist der Karneval wieder auf eine gesunde Größe geschrumpft.“

1996, als die Berliner ihren Karneval der Kulturen zum ersten Mal feierten, war Conraths Bloco Explosão noch nicht dabei. Die Werkstatt der Kulturen verstand den Umzug damals als Antwort auf eine zunehmend rassistische Stimmung in den Neunzigerjahren, die in gewaltsame Ausschreitungen auf eine Anlaufstelle für Asylbewerber und ein Wohnheim für ehemalige vietnamesische Vertragsarbeiter in Rostock gipfelte. Vorbild für den Karneval war der ältere Notting Hill Carnival in London, den eine Aktivistin ebenfalls als Reaktion auf massive rassistische Übergriffe ins Leben gerufen hatte.

Kultur zeigen und feiern

Mehr als 20 Jahre später ist das öffentlichkeitswirksame Statement für Toleranz und Vielfalt so notwendig wie damals und der Karneval so gesellschaftskritisch wie zu Beginn. „Der Karneval war schon immer politisch“, sagt Conrath. „Viele Gruppen haben eine Botschaft. Gleichzeitig ist er aber auch einfach eine Möglichkeit für Berliner, ihre Kultur in der Öffentlichkeit zu präsentieren und eine tolle Party zu feiern.“

Für den diesjährigen Karneval arbeitet Conraths Bloco Explosão mit der gemeinnützigen Initiative Sea Watch zusammen. Die Organisation rettet in Seenot geratene Geflüchtete und setzt sich für sichere Fluchtwege ein. Die Trommlerinnen und Trommler werden dieses Jahr statt der traditionell rot-gelben Kluft orangefarbene Kostüme tragen, orange wie die Rettungswesten auf See.

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