Lack und Leder in bevorzugter Wohnlage

Meine neue Wohnung liegt in Schöneberg. Einst wohnte hier das jüdische Großbürgertum, später feierte die Club-Szene die Nächte durch. Danach wurde es ruhiger – aber nicht spießig.

35 Minuten dauert es, von meiner neuen Bleibe bis zu meinem Arbeitsplatz zu radeln. Mein Weg führt mich neun Kilometer lang quer durch Berlin, vom Bayerischen Viertel in Schöneberg bis ins tiefste Neukölln. Ich hole mein Fahrrad aus dem Innenhof und schiebe es durch einen imposanten Hauseingang mit Spiegeln, hohen Decken und Stuck. Draußen ist es ruhig, in der Morgendämmerung machen sich ein paar Kinder auf den Weg zur Schule, ein Mann mit weißem Bart und Stock kommt mir immer zur gleichen Zeit auf dem Gehweg entgegen. Die Straße, in der ich wohne, ist sauber und gesäumt von fast herrschaftlichen Altbauten mit großzügigen Vorgärten, Balkonen und verzierten Fassaden. Von dort aus fahre ich gen Osten, vorbei am ehemaligen Flughafengelände Tempelhofer Feld, und je näher ich meinem Ziel komme, desto mehr verändert sich meine Umgebung. Auf dem Boden liegen plötzlich Zigarettenstummel, Bierdeckel und Papierfetzen. Graffiti zieren Hauswände, ein Falafel-Imbiss quetscht sich zwischen eine türkische Bäckerei und einen Späti mit greller Leuchtreklame. Die Gehsteige sind voller Menschen, an der Bushaltestelle warten Männer in Anzügen, Frauen mit Kopftuch und Kinder in bunten Winterjacken. Eine Fahrradfahrerin flucht, als ein Autofahrer ihr die Vorfahrt nimmt.

Schöneberg und Neukölln, zwischen den beiden Stadtteilen scheinen Welten zu liegen. Neukölln steht für das, was Hipster, Studenten, Künstler und Kreative gemeinhin mit Berlin verbinden. Schöneberg, und vor allem das Bayerische Viertel, ist das Gegenteil davon. Da, wo ich jetzt wohne, sind die Gehsteige sauber, die Restaurants teuer und die Straßen nachts wie ausgestorben. Für mich, ehemals Kreuzbergerin, war das anfangs gewöhnungsbedürftig. Aber wer nach zwei Jahren im Ausland eine Wohnung in Berlin sucht, darf nicht wählerisch sein. Manchmal kommt es mir jetzt so vor, als sei ich nicht in einen neuen Kiez, sondern in eine neue Stadt gezogen.

Konzipiert für wohlhabende Bürger

Eine neue Stadt – dieser Gedanke ist gar nicht so abwegig wie ich später feststelle. Tatsächlich war Schöneberg bis nach dem ersten Weltkrieg eine eigenständige Stadt. Erst mit der Bildung von Groß-Berlin am 1. Oktober 1920 verleibte sich die deutsche Hauptstadt das kleine Schöneberg als elften Verwaltungsbezirk ein und beendete so dessen Autonomie. Wohlhabend und elegant war Schöneberg aber schon vor dieser Vereinnahmung: das Schöneberger Rathaus, in dem US-Präsident John F. Kennedy viele Jahrzehnte später die berühmten Worte „Ich bin ein Berliner“ sprechen sollte, die U-Bahn mit fünf Stationen zwischen Nollendorf- und Innsbrucker Platz, und eben besagtes Bayerisches Viertel mit den herrschaftlichen Wohnhäusern, all das gab es damals schon.

Viktoria-Luise-Platz in Berlin-Schöneberg
Angelegt für ein großbürgerliches Publikum: Viktoria-Luise-Platz in Schöneberg. © Jonathan Date

Auf Wikipedia heißt es, das Bayerische Viertel zähle zu den „bevorzugten Wohnlagen Berlins“, und genauso wurde es vor dem ersten Weltkrieg auch konzipiert. Der jüdische Unternehmer und Kaufmann Salomon Haberland wollte damals ein Quartier für das betuchte Großbürgertum schaffen. Die großzügig angelegten Häuser, breiten Straßen und dekorativen Plätze lockten bald wohlhabende Anwälte und Ärzte, Intellektuelle, Künstler und Wissenschaftler an, unter ihnen viele berühmte Persönlichkeiten, und viele Juden. Albert Einstein wohnte hier, der Psychoanalytiker Erich Fromm und der Regisseur Billy Wilder. Alle drei waren wie viele ihrer Glaubensgenossen gezwungen, kurz nach Hitlers Machtergreifung auszuwandern. Die Nazis sorgten dafür, dass das Bayerische Viertel, einst Mittelpunkt  jüdischen Lebens, bis 1943 „judenfrei“ war. 6.000 jüdische Männer, Frauen und Kinder wurden deportiert.

Spuren der NS-Verbrechen

Das Bayerische Viertel ist deshalb auch ein Kiez, in dem die nationalsozialistische Vergangenheit Deutschlands besonders präsent ist. Die französische Journalistin Pascale Hugues hat in ihrem Buch „Ruhige Straße in guter Wohnlage“ das Schicksal vieler jüdischer Bewohner*innen recherchiert, die im Bayerischen Viertel lebten, bevor die Nazis brutal einen Schlussstrich zogen. Sie erzählt die Geschichten derer, die blieben und weiter hofften, und derer, die rechtzeitig auswanderten und ihre Berliner Wohnungen nie wieder sahen. Ihre Gespräche mit Exilant*innen in den USA und Israel zeigen, dass der Holocausts bis heute selbst die Kinder und Enkel derjenigen zeichnet, die entkommen konnten.

Haus am Viktoria-Luise-Platz in Schöneberg
Giebel, Türmchen, goldfarbener Stuck: Haus am Viktoria-Luise-Platz in Schöneberg. © Jonathan Date

Erinnerungsstätten kämpfen gegen das Vergessen an. Im Rathaus Schöneberg erinnert die Dauerausstellung „Wir waren Nachbarn“ an die Juden und Jüdinnen des Viertels. Über 150 biografische Alben mit Fotos und persönliche Dokumenten gewähren Einblicke in das Alltagsleben der ehemaligen Bewohner*innen. In den Straßen des Bayerischen Viertels stoßen Besucher*innen auf ein anderes Mahnmal. „Juden müssen den Namen ‚Israel‘, Jüdinnen den Namen ‚Sara‘ als zusätzlichen Namen führen“ steht auf einem Schild in der Münchener Straße. Und ein paar Meter weiter: „Wanderungen jüdischer Jugendlicher in Gruppen von mehr als 20 Personen sind verboten.“ 80 dieser Tafeln mit Auszügen aus nationalsozialistischen Gesetzestexten dokumentieren die Ausgrenzung und Entrechtung der Juden im Dritten Reich. Wer die prachtvollen Bauten im Bayerischen Viertel bewundert, kann nicht das grausame Unrecht ausklammern, das einem Teil der ehemaligen Bewohner*innen angetan wurde.

Party-Mekka der 70er

Nicht nur das jüdische Leben im Bayerischen Viertel, sondern auch die Motzstraße ein paar Ecken weiter war den Nazis ein Dorn im Auge. Die 1,5 Kilometer lange Straße, die den Nollendorfplatz mit dem Prager Platz verbindet, war schon in den 1920er Jahren bekannt für ihre Schwulenszene. Der britisch-amerikanische Schriftsteller Christopher Isherwood lebte ab  1930 zweieinhalb Jahre lang ganz in der Nähe der Motzstraße. Isherwood, auf dessen ‚Berlin Stories‘ das Filmmusical Cabaret basiert, war begeistert von der relativ offen gelebten Homosexualität, frequentierte regelmäßig die Stricherlokale und lernte seinen ersten dauerhaften Lebensgefährten in Berlin kennen. Die Nazis setzten dem Treiben vorübergehend ein Ende, doch heute reihen sich in der Motzstraße wieder schwule Bars neben Fetisch-Geschäften für Lack und Leder-Outfits. Jedes Jahr im Juni veranstaltet die Szene das Motzstraßenfest, ein lesbisch-schwules Straßenfest, und im September treffen sich ein paar Hundert Meter weiter in der Fuggerstraße und der Welserstraße die Anhänger der Leder- und Fetisch-Szene aus ganz Europa.

U-Bahn-Station Viktoria-Luise-Platz
In Schöneberg liegen Bürgerlichkeit und Avantgarde nah beieinander: Die Motzstraße führt am Viktoria-Luise-Platz vorbei. © Jonathan Date

Ausschweifend, freizügig, avantgardistisch, das war Schöneberg auch später wieder, als die Berliner Club-Szene den Kiez zum Treffpunkt erkor und Weltstars wie David Bowie hier Station machten. Damals verlief die Mauer quer durch Berlin und Partygänger tanzten die Nächte in Schöneberger Clubs durch. Zum Beispiel im legendären „Dschungel“, das neben Bowie und Iggy Pop auch Nick Cave frequentiert haben sollen. Bowie wohnte in den 1970ern einige Jahre in der Hauptstraße 155 in Schöneberg und produzierte drei Alben, seine Berlin-Trilogie. Die Single „Where are we now“ ist auch eine Hommage an diese Berliner Jahre.

Erst nach dem Mauerfall verlagerte sich das Nachtleben in andere Kieze, viele Schöneberger Clubs mussten schließen. Wer heute von Freitag bis Sonntag durchmachen will, geht nach Friedrichshain oder Neukölln. Schöneberg wirkt jetzt wieder wie das Viertel, das es vor vielen Jahrzehnten einmal war: ein ruhiger, bürgerlicher Kiez mit herrschaftlichen Bauten. Doch der Schein trügt – direkt neben der gutbürgerlichen Spießigkeit florierte schon immer die rebellische Lebenskunst fortschrittlicher Freidenker.

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