Traditionelle Geschäfte im Kampf gegen die Globalisierung

Die traditionsreichen Geschäfte Lissabons drohen, der Globalisierung zum Opfer zu fallen. Ein neues Projekt der Stadt soll sie jetzt schützen.

Ich weiß nicht, wann ihr das letzte Mal einen Kommodenknauf kaufen wolltet. Aber einfach mal angenommen, wohin würdet ihr gehen? In den Baumarkt, richtig. In riesigen Hallen finden wir mit Sicherheit alles, was ein ambitionierter Heimwerker oder eine ambitionierte Heimwerkerin so brauchen könnte –  fabrikgefertigte Einheitsware à la Ikea, ordentlich gestapelt auf hohen Regalen in mindestens zwei Etagen.

Lissabon ist natürlich nicht immun gegen solche Auswüchse der Globalisierung, aber alles hier passiert irgendwie langsamer. Oder vielleicht ist es auch ein stillschweigender, sturer Protest der Portugiesen und Portugiesinnen. Auf jeden Fall fahren viele für den besagten Kommodenknauf nicht eine halbe Stunde lang zum Baumarkt, sondern gehen einfach zu einem, klar, Eisenwarenladen.

Schubladen bis unter die Decke

In solch einem Eisenwarenladen wie zum Beispiel im Ferragens Guedes in der Rua Portas Santo Antão 32 stehen hohe Schränke aus dunklem Holz mit unendlich vielen kleinen Schubladen, die bis unter die Decke reichen. Außen an den Schubladen befestigt ist ein Ausstellungsexemplar des Inhalts: jede Art von Türklinken und Knäufen, Schlüsseln, Schlössern und was sonst noch so Nützliches aus Metall hergestellt wird. Was auch immer man sucht, hier wird man fündig, und kostenlos dazu bekommt man eine professionelle und freundliche Beratung, ganz in Ruhe, denn die Hektik des Alltags legt man beim Betreten ab. Die meisten Portugiesen sind sowieso selten in Eile.

Ich selbst bin monatelang an vielen dieser traditionsreichen, hoch spezialisierten Läden vorbei geeilt, ohne zu bemerken, wie unglaublich praktisch sie sind und wie wunderschön altmodisch sie von innen aussehen. Bis eines Tages der Verschluss meines Bikinis brach, und ich keine Ahnung hatte, wo ich einen neuen, passenden Verschluss herbekommen sollte. Einem Hinweis folgend machte ich mich schließlich auf in die Rua da Conceição im Lissabonner Stadtteil Baixa.

Straße der Retrosarias

In der Rua da Conceição reiht sich eine sogenannte Retrosaria an die nächste (auf Deutsch passt am ehesten das altmodische Wort Kurzwarenladen, das ich nachschlagen musste: ein Geschäft für Artikel rund ums Nähen), und jede von ihnen hat einen erstaunlichen Fundus an Knöpfen, Schnallen, Fäden, Nadeln und Verschlüssen aller Art. Das so viele Kurzwarenläden hier anzutreffen sind, ist übrigens kein Zufall. Wie im Mittelalter üblich tragen die Straßen in der Baixa die Namen bestimmter Gewerbe, die damals auch alle dort angesiedelt waren: In der Rua dos Sapateiros gab es früher vor allem Schuhmacher und in die Rua dos Fanqueiros ging man, wenn man Textilien oder Bettwäsche kaufen wollte.

Im Laden stehen außer mir noch zwei weitere Kundinnen. Ich warte geduldig, das immerhin habe ich inzwischen in Portugal gelernt. Die freundliche Verkäuferin, eine ältere Dame mit Dutt und Bluse, kommt schließlich auf mich zu, lächelt gutmütig über mein schlechtes Portugiesisch und zieht zielsicher eine große Schublade aus der Schubladenwand, um eine überfordernde Auswahl verschiedener Verschlüsse vor mir auszubreiten: Plastik oder Metall, vergoldet oder versilbert, schlicht oder verziert, groß oder klein,… Und dann nimmt sich die Verkäuferin viel Zeit, um mit mir genau den passenden Verschluss auszuwählen.

Läden mit Geschichte

Viele dieser kleinen Geschäfte gibt es seit fast 100 Jahren. Der Eisenwarenladen Ferragens Guedes zum Beispiel wurde 1922 gegründet, damals noch, um die in der eigenen Gießerei hergestellten Eisenwaren zu verkaufen.

Warum sich diese kleinen, anachronistisch wirkenden Läden in Portugal bisher halten konnten, hat sicherlich verschiedene Gründe. Eine Rolle spielt zum Beispiel, dass die Jahre der Diktatur, die erst 1974 gestürzt wurde, auch Jahre der Abschottung und des Stillstands für Portugal waren. Ein weiterer Grund ist der höhere Stellenwert, den soziale Kontakte im Alltagsleben vieler Portugiesinnen und Portugiesen immer noch einnehmen. Eine meiner Schülerinnen, eine sechzigjährige, pensionierte Portugiesin, erzählte mir, dass sie seit 40 Jahren in die gleiche Retrosaria gehe. Für sie geht es schon lange nicht mehr primär um den Kauf eines Artikels, sondern um den Austausch mit den Verkäuferinnen. Fast wie eine Freundschaft sei das, sagt sie.

Auch die Stadtverwaltung hat inzwischen den historischen und wohl auch touristischen Wert dieser „Lojas com História“ – Läden mit Geschichte – erkannt und ein Projekt zu deren Erhaltung auf die Beine gestellt. Auf der Webseite des Projekts (auf Englisch und Portugiesisch) gibt es eine Liste aller bisher nach bestimmten Kriterien als „historische Geschäfte“ eingestuften Läden wie zum Beispiel die Caza das Vellas Loreto für handgemachte Kerzen und die Luvaria Ulisses für Handschuhe – gleichzeitig übrigens das wahrscheinlich kleinste Geschäft Lissabons.

Man kann nur inständig hoffen, dass die Initiative der Stadt Erfolg hat. Denn nicht alles, was neu, groß und modern daher kommt, ist besser. Und es wäre wirklich, wirklich ein Verlust, auf diese kleinen Läden voller Wunder verzichten zu müssen.

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